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Produktstrategie

Warum die meisten Produktstrategien keine sind

4 min

Warum die meisten Produktstrategien keine sind

Drei Szenen. Dasselbe Problem.

Szene 1: Ein Produkt-Team setzt OKRs. "App Engagement +40%." "Service Tickets -30%." Ambitioniert. Messbar. Alle nicken. Niemand fragt: Warum sind die Tickets hoch? Was genau verhindert Engagement? Das OKR steht. Die Diagnose fehlt.

Szene 2: Ein CTO verkündet die neue Richtung. Letztes Jahr: Agile Transformation. Dieses Jahr: AI First. Nächstes Jahr: Platform Thinking. Jedes Label klingt nach Aufbruch. Aber die Frage bleibt dieselbe: Was ist eigentlich das Problem? Keiner stellt sie. Also kommt nächstes Jahr das nächste Label.

Szene 3: Das Strategiedeck ist fertig. 40 Slides. Customer-centric. Data-driven. Innovative UX. Nachhaltig Mehrwert. Streicht man die Buzzwords, bleibt ein Satz: "Wir bauen ein Produkt." Das wussten alle vorher.

Drei Szenen, drei Varianten. Aber immer derselbe Fehler.


Der Schritt, den alle überspringen

In 19 Jahren Produktentwicklung habe ich dieses Muster in jeder Branche gesehen. Health Tech, IoT, Insurance, E-Commerce, Public Sector. Die Details ändern sich. Das Pattern nicht.

Es sieht so aus:

"Wir haben ein Problem" - direkt zu - "Lasst uns X machen"

Dazwischen liegt ein Schritt, den fast alle überspringen: Die Diagnose.

Nicht die Analyse. Nicht das Discovery-Board. Nicht das Stakeholder-Interview. Sondern die Entscheidung: Was genau ist hier das Problem? Nicht das Symptom. Nicht die Vermutung. Das Problem.

Diagnose heißt: aus der gesamten Komplexität eines Unternehmens die eine Sache benennen, an der sich Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Das ist kein Workshop-Ergebnis. Das ist ein Urteil.

Und genau deshalb wird es übersprungen.


Warum die Diagnose unbequem ist

Diagnose erzeugt Widerspruch.

Wenn jemand sagt "Unser Problem ist nicht das Team, sondern die Architektur" - dann fühlt sich jemand angegriffen. Wenn jemand sagt "Wir brauchen kein neues Feature, wir brauchen eine Entscheidung" - dann muss jemand diese Entscheidung treffen.

OKRs erzeugen Konsens. Alle nicken bei "Engagement +40%". Labels erzeugen Aufbruchstimmung. "AI First" klingt nach Zukunft. Buzzwords erzeugen Zustimmung. Niemand widerspricht "customer-centric".

Diagnose erzeugt nichts davon. Sie erzeugt Klarheit. Und Klarheit ist unbequem, weil sie bedeutet: Wir müssen etwas entscheiden. Und etwas anderes lassen.


Was stattdessen funktioniert

Produktstrategie, die den Namen verdient, hat drei Teile. Nicht fünf. Nicht zwölf. Drei.

1. Diagnose: Was ist das Problem?

Nicht "wir müssen schneller werden". Sondern: Was genau steht zwischen heute und dem Ziel? Ist es die Architektur? Die Teamstruktur? Eine fehlende Entscheidung? Ein regulatorisches Hindernis?

Die Diagnose reduziert Komplexität auf das Wesentliche. Aus "alles ist schwierig" wird "das hier ist der Engpass".

2. Richtungsentscheidung: Was schließen wir aus?

Eine gute Strategie sagt nicht nur, was man tut. Sie sagt, was man nicht tut. Sie ist eine Leitplanke, keine Ziellinie.

"Wir fokussieren auf den deutschen Markt und verschieben die US-Expansion" - das ist eine Richtungsentscheidung. "Wir wollen international wachsen" - das ist ein Wunsch.

Der Unterschied: Die Richtungsentscheidung schließt etwas aus. Der Wunsch schließt nichts aus. Deshalb fühlt sich der Wunsch besser an. Und deshalb funktioniert er nicht.

3. Koordinierte Umsetzung: Was wirkt zusammen?

Einzelne Maßnahmen sind keine Strategie. Strategie entsteht, wenn Maßnahmen aufeinander abgestimmt sind.

Wenn das Produkt-Team Features baut, aber das Sales-Team etwas anderes verkauft, und das Marketing eine dritte Geschichte erzählt - dann hat jeder eine Maßnahme. Aber niemand hat eine Strategie.

Koordination ist der Teil, der am meisten unterschätzt wird. Nicht weil er schwer zu verstehen ist. Sondern weil er bedeutet, dass Abteilungen miteinander reden müssen. Und sich einigen.


Die eine Frage

All das lässt sich auf eine Frage reduzieren:

"Woher wissen Sie, dass es funktioniert?"

Kein Produkt-Launch ohne klare Antwort auf:

  • Was ist der eine Hebel, an dem sich Erfolg entscheidet?
  • Welche Kosten sparen wir - und wie messen wir das?
  • Wie viel Zeit gewinnen wir gegenüber dem ursprünglichen Plan?
  • Welches Risiko nehmen wir vom Tisch?
  • Läuft es ohne mich weiter?

Fünf Fragen. Keine davon ist beantwortbar ohne Diagnose.

Wer diese Fragen stellt, bevor das erste Feature geplant wird, spart Monate. Wer sie überspringt, baut schneller - aber das Falsche.

Die 5 Fragen für Produkterfolg


Kein Framework. Eine Entscheidung.

Das hier ist kein neues Modell. Kein Canvas. Kein Template.

Es ist eine Entscheidung: Fange ich bei der Diagnose an - oder bei der Lösung?

Die meisten fangen bei der Lösung an. Weil es schneller geht. Weil es sich produktiv anfühlt. Weil Diagnose bedeutet, zuzugeben, dass man das Problem noch nicht verstanden hat.

Mein Job beginnt genau dort. Nicht beim Deck. Nicht beim OKR. Nicht beim Framework.

Bei der Frage, die alle überspringen.


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